Eine kleine Übung für Angehörige….
Wenn ein Mensch, der uns nahesteht, an einer Essstörung erkrankt, verändert sich häufig nicht nur sein Alltag. Auch unser eigener beginnt sich zunehmend um die Erkrankung zu drehen.
Hat sie heute genug gegessen? Warum ist er so still? War die Portion schon wieder kleiner? Soll ich etwas sagen oder mache ich damit alles nur schlimmer? Ist das gerade die Essstörung oder steckt etwas anderes dahinter? Muss ich eingreifen – oder sollte ich mich besser zurückhalten?
Viele Angehörige kennen dieses beinahe ununterbrochene innere Beobachten.
Die Aufmerksamkeit richtet sich auf den erkrankten Menschen, auf seine Stimmung, sein Essverhalten, mögliche Veränderungen und Warnsignale. Das geschieht nicht ohne Grund. Dahinter stehen Sorge, Verantwortungsgefühl und vor allem der Wunsch, zu helfen. Und doch kann dabei etwas passieren, das wir zunächst kaum bemerken: Wir verlieren uns selbst ein wenig aus dem Blick.
Wenn der Blick nur noch nach außen geht
Vielleicht weißt du inzwischen sehr genau, wie es deinem Kind, deinem Partner oder deiner Partnerin, deiner Schwester oder deinem Bruder gerade geht.
Du bemerkst kleinste Veränderungen. Du spürst Anspannung, bevor überhaupt etwas ausgesprochen wurde. Du kennst Situationen, in denen es schwierig werden könnte, und bist gedanklich vielleicht schon mehrere Schritte voraus. Aber wann hast du dich zuletzt gefragt: Wie geht es eigentlich mir gerade? Nicht grundsätzlich. Nicht im Sinne von „Ich müsste dringend besser auf mich achten“. Sondern genau jetzt.
- Was spüre ich?
- Was beschäftigt mich?
- Und was brauche ich?
Gerade in belastenden Situationen kann der eigene innere Kompass mit der Zeit immer leiser werden. Wir reagieren dann schnell aus Sorge, Angst, Hilflosigkeit oder Erschöpfung heraus, ohne überhaupt noch wahrzunehmen, was gerade in uns selbst geschieht. Den Blick wieder einen Moment auf sich zu richten, bedeutet dabei keineswegs, den erkrankten Menschen im Stich zu lassen. Im Gegenteil. Es kann uns helfen, bewusster zu unterscheiden: Was braucht mein erkrankter Angehöriger gerade wirklich – und was tue ich vielleicht, weil ich meine eigene Angst kaum aushalten kann?
Drei Fragen, die dich für einen Moment zu dir zurückholen können
Für diese kleine Übung brauchst du weder viel Zeit noch einen besonders ruhigen Ort. Vielleicht nimmst du dir zwei oder drei Minuten, oder auch nur drei bewusste Atemzüge. Und dann stellst du dir nacheinander drei Fragen:
1. Was nehme ich gerade in mir wahr?
Versuche zunächst, noch nichts zu verändern. Vielleicht spürst du Anspannung. Müdigkeit. Ärger. Angst. Traurigkeit. Hilflosigkeit. Vielleicht ist dein Körper angespannt oder du bemerkst, dass deine Gedanken ununterbrochen kreisen. Es geht nicht darum, das Wahrgenommene zu bewerten. Nur darum, es überhaupt wieder zu bemerken.
2. Was davon gehört gerade zu mir – und was gehört zum anderen?
Diese Frage kann gerade für Angehörige besonders wertvoll sein.
Ist das meine Angst? Meine Sorge? Mein Wunsch, dass die Situation endlich anders sein möge? Oder versuche ich gerade, etwas zu übernehmen, das eigentlich zur Verantwortung des anderen gehört?
Die Grenze ist nicht immer eindeutig. Und sie muss es auch nicht sein. Aber allein die Frage kann helfen, wieder etwas mehr Klarheit darüber zu bekommen, wo der andere aufhört und wo ich selbst beginne.
3. Was brauche ich gerade?
Vielleicht lautet die Antwort: Ruhe. Vielleicht brauchst du jemanden, mit dem du sprechen kannst. Vielleicht möchtest du eine Runde um den Block gehen, eine klare Grenze setzen oder für zehn Minuten einfach einmal nicht über Essen und Essstörung nachdenken.
Und vielleicht lautet die Antwort auch: Ich weiß es gerade nicht. Auch das ist in Ordnung.
Denn bereits die Frage verändert etwas: Für einen Moment bekommt neben den Bedürfnissen des erkrankten Menschen auch dein eigenes Erleben wieder einen Platz. Wahrnehmen heißt nicht, sofort handeln zu müssen Vielleicht stellst du bei dieser Übung fest: „Ich brauche Abstand.“ Das bedeutet nicht, dass du sofort für drei Tage verschwinden musst.
Vielleicht bedeutet Abstand heute nur, dass du nicht noch einmal nachfragst, was gegessen wurde. Vielleicht bemerkst du: „Ich habe Angst.“ Auch daraus muss nicht unmittelbar eine Handlung entstehen. Du kannst zunächst wahrnehmen: Das ist meine Angst.
Und genau hier kann etwas Wichtiges entstehen: Ein kleiner Raum zwischen dem, was du fühlst, und dem, was du anschließend tust. Gerade in Familien und Beziehungen, die schon lange unter dem Einfluss einer Essstörung stehen, geht dieser Raum manchmal verloren. Angst führt dann unmittelbar zu Kontrolle. Sorge führt zu Nachfragen. Hilflosigkeit führt zu Ratschlägen. Anspannung führt zu Streit. Nicht, weil Angehörige etwas falsch machen. Sondern weil sie selbst längst Teil einer hoch belasteten Situation geworden sind. Wenn es gelingt, diesen kleinen Raum wieder entstehen zu lassen, wird eine andere Frage möglich: Was wäre jetzt wirklich hilfreich?
Eine kleine Gewohnheit für den Alltag
Du musst diese drei Fragen nicht erst dann stellen, wenn du völlig erschöpft bist. Probiere sie gern einmal am Tag aus, oder gerade vor Situationen, von denen du weißt, dass sie dich besonders fordern – vor einer gemeinsamen Mahlzeit, vor einem schwierigen Gespräch oder wenn du merkst, dass deine Gedanken wieder ausschließlich um die Essstörung kreisen. Die drei Fragen bleiben dieselben:
- Was nehme ich gerade in mir wahr?
- Was davon gehört zu mir – und was zum anderen?
- Was brauche ICH gerade?
Du musst darauf nicht jedes Mal eine perfekte Antwort finden. Es geht nicht darum, noch eine weitere Aufgabe besonders gut zu erledigen, sondern darum, den Kontakt zu dir selbst nicht zu verlieren.
Fazit:
Einen Menschen mit einer Essstörung zu begleiten bedeutet immer wieder, aufmerksam beim anderen zu sein. Das lässt sich nicht einfach abstellen – und das muss es auch nicht. Aber Begleitung findet zwischen zwei Menschen statt. Deshalb darf neben all den Fragen, die sich um den erkrankten Menschen drehen, eine weitere Frage ihren festen Platz bekommen: Was braucht mein erkrankter Angehöriger gerade UND was brauche eigentlich ich? Beides darf gleichzeitig wichtig sein.
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