Emotionales Essen zu verstehen, ist für Menschen, die nicht betroffen sind, herausfordernd. Es gibt Essstörungen, die für Angehörige vergleichsweise sichtbar und damit ein Stück weit greifbar werden. Wenn ein Mensch immer weniger isst, Mahlzeiten vermeidet oder deutlich an Gewicht verliert, entsteht häufig schnell die Sorge: Hier stimmt etwas nicht. Doch nicht jedes belastete Essverhalten zeigt sich auf diese Weise.
Manchmal geschieht sogar das Gegenteil: Ein Mensch isst, obwohl körperlicher Hunger kaum eine Rolle spielt. Vielleicht nach einem schwierigen Tag. In Momenten von Anspannung, Einsamkeit oder Überforderung. Vielleicht heimlich oder mit dem Gefühl, nicht aufhören zu können. Und nicht selten folgen anschließend Scham, Schuldgefühle oder der Vorsatz, beim nächsten Mal „mehr Kontrolle“ zu haben. Für Angehörige kann das schwer nachvollziehbar sein.
Warum isst jemand weiter, obwohl er selbst darunter leidet? Eine mögliche Antwort liegt darin, nicht nur auf das Essen selbst zu schauen, sondern auf das, was das Essen in diesem Moment leistet.
Essen übernimmt eine Funktion
Essen dient zunächst einem ganz selbstverständlichen Zweck: Es versorgt unseren Körper mit Energie und Nährstoffen. Gleichzeitig ist Essen aber häufig viel mehr. Es kann Genuss bedeuten, Gemeinschaft, Erinnerung, Belohnung, Trost. Und es kann helfen, Gefühle zu regulieren.
Das ist zunächst nichts Ungewöhnliches. Viele Menschen kennen bspw. den Wunsch nach etwas Süßem am Ende eines anstrengenden Tages oder verbinden bestimmte Speisen mit Geborgenheit und Wohlbefinden. Problematisch kann es werden, wenn Essen immer häufiger oder nahezu ausschließlich dazu genutzt wird, mit belastenden inneren Zuständen umzugehen – und wenn andere Möglichkeiten der Regulation kaum noch zur Verfügung stehen. Dann kann sich das Muster des emotionalen Essens entwickeln:
Anspannung oder belastendes Gefühl → Essen → kurzfristige Entlastung. Das Entscheidende dabei ist das Wort „kurzfristig“.
Denn wenn Essen tatsächlich für einen Moment beruhigt, ablenkt oder tröstet, lernt unser System daraus: Das hat geholfen!
Beim nächsten belastenden Gefühl liegt dieselbe Lösung deshalb wieder nahe. Die interessantere Frage lautet nicht: Warum hört der Mensch nicht einfach auf? Denn von außen erscheint das Verhalten möglicherweise widersprüchlich. Der betroffene Mensch weiß vielleicht selbst, dass ihm dieses Essverhalten langfristig nicht guttut und trotzdem greift er immer wieder darauf zurück.
Emotional zu essen ist für sich genommen keine Diagnose. Bei einer Binge-Eating-Störung beispielsweise kommen weitere diagnostische Merkmale hinzu. Dennoch kann es, je nach Ausmaß, für alle Beteiligten sehr belastend sein.
Angehörige reagieren dann oft aus Hilflosigkeit und Unverständnis heraus mit gut gemeinten Hinweisen:
- „Du hast doch gerade gegessen.“
- „Versuch doch, dich ein bisschen abzulenken.“
- „Du ärgerst dich hinterher doch wieder.“
Doch solche Sätze erreichen häufig nicht das, worum es eigentlich geht. Denn wenn zu essen eine Regulationsstrategie geworden ist, lautet die entscheidende Frage nicht:
Warum isst du? Sondern: Was soll das Essen gerade für dich tun?
- Beruhigen?
- Trösten?
- Von etwas ablenken?
- Innere Spannung reduzieren oder eine Pause ermöglichen, die man sich sonst nicht zugesteht?
- Eine innere Leere füllen?
- Oder gar für einen kurzen Moment dafür sorgen, etwas Bestimmtes nicht fühlen zu müssen?
Diese Fragen verändern den Blick. Das Verhalten wird dadurch nicht automatisch unproblematisch, aber es wird verständlicher. Verstehen bedeutet nicht, das Verhalten gutzuheißen. Die Funktion eines problematischen Verhaltens verstehen zu wollen bedeutet nicht, es zu unterstützen oder seine möglichen gesundheitlichen Folgen kleinzureden. Es bedeutet zunächst nur Folgendes anzuerkennen:
Ein Verhalten, das von außen unverständlich erscheint, kann für den betroffenen Menschen innerlich durchaus einen Sinn haben. Vielleicht keinen guten langfristigen Sinn. Aber einen kurzfristigen. Und genau dort kann Veränderung beginnen. Denn eine Strategie lässt sich schwer loslassen, solange sie die einzig verfügbare Antwort auf ein bestimmtes Bedürfnis ist.
Der Versuch einer Lösung kann lauten: Nicht einfach wegnehmen – sondern Alternativen entwickeln. Dies ist insbesondere auch wichtig bei betroffenen Kindern.
Stellen wir uns vor, Essen hilft einem Menschen regelmäßig dabei, starke Anspannung zu reduzieren. Die Aufforderung „Dann iss eben nicht“ nimmt ihm zunächst seine bisherige Lösung – ohne ihm eine neue zu geben. Hilfreicher kann es sein, Schritt für Schritt herauszufinden:
- Was passiert unmittelbar vor dem Essimpuls?
- Welches Gefühl oder Bedürfnis ist gerade da?
- Welche Aufgabe soll das Essen übernehmen?
Und schließlich:
- Gibt es noch eine andere Möglichkeit, genau auf dieses Bedürfnis zu reagieren?
Bei Anspannung könnte etwas anderes helfen als bei Einsamkeit. Erschöpfung braucht möglicherweise eine andere Antwort als Wut. Und ein Bedürfnis nach Trost lässt sich nicht mit derselben Strategie beantworten wie Langeweile.
Es geht deshalb nicht darum, eine allgemein gültige Ersatzhandlung für das Essen zu finden. Es geht darum, mehr Möglichkeiten entstehen zu lassen. Ein kleiner Zwischenraum kann viel verändern, so dass ein hilfreicher Schritt darin bestehen kann, zwischen Impuls und Handlung einen kleinen Moment der Wahrnehmung einzubauen.
Nicht: „Ich darf jetzt nicht essen.“ Sondern vielleicht: „Bevor ich entscheide, was ich jetzt tue, möchte ich kurz verstehen, was ich gerade brauche.“
Dieser Unterschied ist klein – und gleichzeitig wesentlich. Denn aus einem automatisierten Ablauf kann allmählich eine Situation werden, in der wieder eine Wahl möglich ist. Manchmal wird danach trotzdem gegessen. Auch dann ist dieser Moment nicht gescheitert. Das Ziel besteht zunächst nicht darin, jeden Essimpuls erfolgreich „abzuwehren“. Gerade im Zusammenhang mit problematischem Essverhalten können neue Verbote und rigide Kontrolle wiederum Teil des Problems werden. Das Ziel ist vielmehr, die eigene innere Reaktion besser kennenzulernen und nach und nach weitere Möglichkeiten im Umgang mit Gefühlen und Bedürfnissen zu entwickeln.
Was bedeutet das für Angehörige?
Vielleicht vor allem eines, um emotionales essen besser verstehen zu können: Weniger auf das sichtbare Verhalten schauen – und neugieriger auf das werden, was dahinter liegen könnte. Das bedeutet nicht, dass Angehörige zu Therapeut:innen werden sollen. Sie müssen weder Ursachen herausfinden noch das Essverhalten ihres Familienmitglieds regulieren. Aber die Haltung kann sich verändern.
Aus „Warum machst du das schon wieder?“ kann innerlich vielleicht werden: „Offenbar hilft dir dieses Verhalten gerade bei etwas, mit dem du anders noch schwer umgehen kannst.“
Allein dieser Perspektivwechsel kann Druck aus einer Situation nehmen. Und er kann davor schützen, dass sich Gespräche immer stärker um Mengen, Kontrolle, Verbote oder vermeintliche Willensstärke drehen.
Hinter dem Essen den Menschen sehen
Essverhalten ist sichtbar, Gefühle, Bedürfnisse und innere Konflikte sind es häufig nicht. Gerade deshalb lohnt es sich, bei emotionalem Essen nicht ausschließlich danach zu fragen, wie das Verhalten beendet werden kann.
Manchmal ist die wichtigere Frage zunächst: Was versucht dieser Mensch gerade mithilfe des Essens für sich zu lösen?
Wer nun beginnt, emotionales essen und seine Funktionen zu verstehen, schaut nicht mehr nur auf das Symptom. Er beginnt, den Menschen dahinter wieder deutlicher zu sehen und genau dort können neue Wege entstehen.
Bei Interesse lesen Sie gern mehr dazu unter folgendem Link:
Symptome von Essstörungen verstehen statt nur Verhalten verändern wollen

